Offene Türen

In Markt Schwaben helfen deutsche Familien ausländischen Kindern bei der Integration

Von Mareike Fallet

„Jakub, was heißt BMW?“ Jakub überlegt, er runzelt die Stirn und schaut dem vorbeifahrenden Auto hinterher: „Bayerischer Mistwagen.“ Selmo steht neben ihm, er weiß auch keine andere Antwort. Ein Witz unter Kindern. Die beiden haben ihn aufgeschnappt, für logisch befunden. Jakub ist neun Jahre alt, er stammt aus Polen; Selmo, zehn, ist Angolaner – die Kinder lernen gerade deutsch. Praxisnah. Sie schauen fragend zu Thomas Engemann, 45. „Nicht ganz“, sagt der, „BMW heißt Bayerische Motorenwerke.“ Es ist Mittwochnachmittag halb drei, ein heißer Tag. Mittwochnachmittag ist Kinderzeit in Markt Schwaben bei München.
Jakub und Selmo sind zwei von zwölf fremdsprachigen Jungen und Mädchen, die in der bayerischen Gemeinde einmal pro Woche für einen halben Tag von Mitgliedern des „Offenen Hauses“ betreut werden. 20 deutsche Mütter und ein Vater, Thomas Engemann, nehmen im Wechsel jeweils zwei Kinder auf. Seit fünf Jahren existiert diese private, ehrenamtliche Initiative in Markt Schwaben, sie hat sich der Integration von ausländischen Grundschulkindern verschrieben. Hausaufgabenhilfe, deutsch sprechen, spielen.
Jakub und Selmo besuchen dieses Mal die deutsch-thailändische Familie Engemann. Beide Jungen tragen kurze sandfarbene Hosen und T-Shirts, sie laufen barfuß. Wer ein fremdes Haus betritt, zieht die Schuhe aus. Die Kleinen bewegen sich bedächtig, sie sind höflich, aber nicht schüchtern. „Essen wir heute ein Eis?“, fragt Jakub. Ein zarter Junge mit starkem polnischem Akzent, seine blauen Augen strahlen. Jakub verschmäht die ihm angebotene Melone, doch Chips und Eis mit „Errrdbeerrren“ kann er nicht widerstehen. Aber zuerst sind die Hausaufgaben dran.
Selmo sitzt am großen, ovalen Esstisch, er ärgert sich still, zieht eine Schnute – seine einzige Gefühlsäußerung, schon wieder hat er zwei Buchstaben verdreht. Für den Deutsch-Unterricht soll er einen Text aus „Die kleine Hexe“ abschreiben. Der angolanische Junge lässt sich nicht entmutigen. Er will lernen, ist ehrgeizig, manchmal sogar fast ein wenig verbissen.
Insgesamt hat das „Offene Haus“ bisher 31 Kinder und deren Mütter und Väter auf dem Weg in die neue Heimat begleitet. Als Anwalt der Kriegsflüchtlinge und Wirtschaftsmigranten, der Asylbewerber und Geduldeten. „Natürlich kann man nur diejenigen integrieren, die das auch wollen“, sagt Bettina Ismair, Initiatorin des Projekts. Manche ausländischen oder deutschen Familien verweigern sich, dann ist eine Annäherung unmöglich.
Einst startete die Hilfsaktion damit, Kinder aus dem Markt Schwabener Asylbewerberheim mit Winterjacken, Sandalen oder Schulbedarf zu versorgen. „Dort fehlte es an allem“, sagt Bettina Ismair. Sie warb bei den einheimischen Müttern und Vätern um Engagement. „Auch wir waren anfangs nicht frei von blöden Vorurteilen“, sagt sie. Verständnis aufbringen für die Andersartigkeit, das müssen beide Seiten.
Die private Schülerhilfe entwickelte sich aus der Not heraus: In die Grundschulklasse, die Bettina Ismairs jüngster Sohn damals besuchte, kamen drei afghanische Flüchtlings-Kinder und ein thailändisches Mädchen; sie sprachen kein deutsch und konnten dem Unterricht kaum folgen.
Seitdem besuchen zwölf ausländische Jungen und Mädchen wöchentlich die verschiedenen deutschen Familien – neben dem polnischen und dem angolanischen Jungen nehmen zur Zeit auch Kinder aus der Türkei und dem Kosovo, aus Italien, Ungarn und Afghanistan teil. Aufwändig sei das nicht, sagt Susi Gammel, eine der deutschen Mütter. Sie habe selbst zwei Söhne, und so säßen eben noch zwei mehr am Tisch. Ganz einfach. Ihre Jungen freuen sich, dieses Mal fahren sie zum Schwimmen an den Weiher. Deutsche und ausländische Kinder spielen zusammen, sie lernen, die Situation der anderen zu verstehen. Oft freunden sie sich an.
Neben den Jungen und Mädchen erreichen Bettina Ismair und ihre MitstreiterInnen auch die ausländischen Eltern – und gliedern diese mit ein in die Markt Schwabener Gemeinschaft und helfen ihnen bei Behördengängen, bei der Steuer, bei der Wohnungssuche, auch im oft schwierigen Kontakt mit der Ausländerbehörde. Die ausländischen Familien revanchieren sich mit Einladungen zu bosnischer Torte, afghanischem Tee, thailändischen Frühlingsrollen; man mag und respektiert sich.
„Keiner lebt für sich allein“, erklärt Bettina Ismair ihre Motivation, „man sollte sich immer fragen, was man für andere tun kann und nicht, was andere für einen selbst tun können.“ Sie sagt das so bedachtsam, dass man ihr glauben muss.
Jakub hat heute keine Schwierigkeiten mit den Hausaufgaben, er malt auf einem kopierten Arbeitsblatt Bäume, Blätter und Beeren bunt an. Selmo kämpft mit dem Hexentext. Thomas Engemann, 45, hilft nach, „lies mal den Satz vor – was hast du geschrieben?“ Er spricht mit schwäbischem Dialekt. Engemann ist Bauingenieur und nimmt seinen Lehrauftrag ernst. Er ist geduldig mit Jakub und Selmo, schließlich ging es seinen Kindern ähnlich: Ein Jahrzehnt hatte er in Südostasien gelebt, bevor er vor vier Jahren mit seiner thailändischen Frau und den beiden gemeinsamen Töchtern nach Deutschland zurückkehrte. Die Mädchen sprachen thai und englisch, kein Deutsch, auch sie besuchten das „Offene Haus“. „Die Initiative hat uns sehr geholfen, wir möchten etwas zurückgeben“, sagt er. Einmal im Monat nimmt er sich einen Mittwochnachmittag frei und öffnet sein Haus.
Um Selmos Hals hängt eine lange Kette mit einem silbernen Kreuz. Im Januar zog er mit anderen Kindern als einer der Heiligen Drei Könige durch den Ort – die Markt Schwabener waren ganz erstaunt, strichen ihm über die Wange: „Du färbst ja gar nicht ab – bist Du etwa ein echter Schwarzer?“ Ist er. Vor ein paar Wochen ließen ihn seine Eltern katholisch taufen. Die angolanische Familie – Mutter, Vater, Sohn und Tochter – ist in Deutschland nur „geduldet“, das Abschiebeverfahren ausgesetzt; wie lange die Vier noch bleiben dürfen, weiß man nicht. Sie schweben zwischen den Kulturen und zwischen Hoffen und Bangen.
Einige der Grundschüler sind traumatisiert von der Flucht oder den Erlebnissen in der alten Heimat. Das „Offene Haus“ fördert auch die kindliche Unbeschwertheit: „Laufe wie ein Pferd!“ Thomas Engemann, seine jüngere Tochter und die zwei Gäste spielen ein Gesellschaftsspiel, und Selmo galoppiert durch das Wohnzimmer, vorbei an dunkelbraunen, antiken Möbeln, thailändischen Vasen und Statuen. Aufgabe bewältigt, er hat einen Punkt gewonnen. Jakub soll auf den Hacken um den Tisch laufen, er versteht nicht, „auf den Fersen, Jakub“. „Ach so“, sagt er und poltert um die Spielgruppe herum, schon wieder ein Wort gelernt, auch er erhält einen Punkt.
Die Markt Schwabener Organisation diskutiert nicht lange über Kopftuch oder Parallelgesellschaften: Man hilft, wo es nötig und möglich scheint. Pragmatisch, bodenständig, unbürokratisch. Doch Ziel ist nicht, dass die „Zugroas–ten“, die Zugereisten, deutscher werden als die Deutschen, sich selbst und ihre Herkunft aufgeben. Bürgermeister Bernhard Winter sieht die ausländischen Mitbürger als Farbtupfer in einem Mosaik, das von der Grundfarbe oberbayerisch ist und auch bleiben soll – „wir wollen die Kulturen zusammenbringen, ohne sie zu verwässern“, sagt er. Die Marktgemeinde hat rund 12.000 Einwohner, davon 1300 AusländerInnen aus mehr als 80 Nationen. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Winter und verweist auf die örtliche Kooperation zwischen dem deutschen Trachtenverein und türkischen Folkloregruppen.
Die Wirkung des „Offenen Hauses“ bemerkt man auch auf dem Schulhof: „Wenn die Kinder sich verständigen können, müssen sie nicht raufen“, so Bernd Romir, Leiter der Grundschule. Die Aggressivität unter seinen Schülern sei zurückgegangen. Bevor die Initiative gegründet wurde, hätten ausländische Kinder länger gebraucht, mit anderen warm zu werden – in den Pausen waren sie allein. Mit dem Programm erhielten diese Mädchen und Jungen die Chance, auch schulisch vorwärts zu kommen; ihre Eltern würden sensibilisiert für die Schulbildung. „Denn: Wer keinen guten Abschluss hat, bekommt keinen Ausbildungsplatz und hat keine berufliche Zukunft“, sagt Romir. Die Kinder vom „Offenen Haus“ sind privilegiert – solchermaßen gefördert können sie es schaffen, zumindest die Hauptschule abzuschließen; manche Ehemalige, wie die elfjährige bosnisch-finnische Elma, besuchen inzwischen das Gymnasium. Jakub und Selmo haben schon viel gelernt, ihr Deutsch ist ganz gut; doch haben sie noch viel vor sich. Es ist fünf Uhr am Mittwochnachmittag, die Zeit bei den Engemanns vorüber. Einmal mehr haben die Jungen Deutschland, Bayern, Markt Schwaben von innen gesehen – und in diesem Fall auch ein wenig thailändische Kultur erlebt. Als Teil der Gesellschaft, nicht als Randfiguren. Das „Offene Haus“ zeigt: Integration kann glücken. Wenn beide Seiten daran arbeiten.

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