Festsaal der Gemeinde: Kirchengebäude nach der Liturgiereform
Teil 6der Serie "Gottesbilder – Kirchenbilder"

Von Klemens Richter

Die Liturgische Bewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war eine Basisbewegung vor allem einer jungen Generation, die Gemeinde- und Gemeinschaftsbewusstsein in der Kirche stärken wollte. Ihr ging es nicht mehr um Individualismus und Privatfrömmigkeit, sondern um eine lebendige Glaubensgemeinschaft auch im Gottesdienst.
Dafür brauchte es eine neue Art, Gottesdienste zu feiern: Die Gemeinde sollte nicht mehr still in einer längsgerichteten „Wegekirche“, in der alle hintereinander auf den Rücken des am Altar stehenden Priesters schauten, der lateinischen Klerikermesse folgen müssen. Die Mitglieder dieser Basisbewegung verstanden sich als Mitfeiernde – und sie wollten die der Gemeinde zukommenden Teile der Liturgie auch selbst vollziehen, sich um den Altar versammeln und gemeinsam mit dem Priester die eucharistische Mahlfeier halten. Die Feier des Priesters für die Gemeinde sollte abgelöst werden durch eine Feier der ganzen Gemeinde.
Dieses Anliegen wurde, ausgehend von den Benediktinerklöstern Beuron und Maria Laach oder von der Jugendbewegung auf Burg Rothenfels am Main, zu „einem Durchbruch des Heiligen Geistes in seiner Kirche“, wie es Papst Pius XII. nannte. Das Zweite Vatikanische Konzil griff diese Neuerungen in der am 4.12.1963 verabschiedeten Liturgiekonstitution auf, mit der die Liturgie der katholischen Kirche grundlegend reformiert wurde.
Seitdem wird die Liturgie als ein Handeln inmitten der Gemeinde verstanden nach dem Wort Jesu: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20). Dafür sind die bisherigen gottesdienstlichen Räume aber wenig geeignet, die die Kirche aufteilten in eine Art Bühne, mit dem Allerheiligsten im Altarraum, und in eine Art Zuschauerraum. Angemessen ist nun eher die Form eines offenen Ringes, der an drei Seiten des Altares von der Gemeinde gebildet und an der vierten Seite vom Priester geschlossen wird. Schon vor dem Konzil gab es erste Kirchenbauten dieser Art wie beispielsweise den Neubau der St. Laurentius-Kirche in München-Gern.
Nach dem Konzil wurde in vielen Kirchen lediglich der zuvor an der Ostwand stehende Altar ein wenig vorgerückt. Der Priester stand dahinter – der Gemeinde gegenüber. Im Altarraum wurde ein Ambo, ein Lesepult, errichtet, damit der Wortgottesdienst einen eigenen Platz in der Liturgie erhielt. So wurde auch die alleinige Ausrichtung auf den Tabernakel abgelöst, die in der Gotik begonnen und im Barock ihren Höhepunkt erreicht hatte. Nicht mehr die Anbetung Christi in der Hostie ist der Mittelpunkt des Gottesdienstes, sondern der Empfang der eucharistischen Gaben selbst, so wie es Jesus mit seinem Wort „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ verlangt hat. Der Altar wird wieder zum Tisch des Herrn, anders als zuvor, als er nur noch Unterstand für Tabernakel und Monstranz war.
Die Eucharistie wird nunmehr in einer vom Kirchenraum getrennten Kapelle aufbewahrt, „die für das private Gebet der Gläubigen und für die Verehrung geeignet ist“, wie es in der Allgemeinen Einführung in das Römische Messbuch heute heißt. Nur wenn „das nicht möglich ist, soll das Sakrament an einer anderen würdig hergerichteten Stelle des Kirchenraumes aufbewahrt werden“.
Von den Anfängen bis heute gilt: Das Selbstverständnis von Kirche und Gemeinde in ihrer jeweiligen Zeit spiegelt sich in Gestalt und Ausstattung der Kirchenbauten. Da die christlichen Gemeinden hierzulande nicht mehr in einer rein christlichen Gesellschaft leben, wie das im Mittelalter der Fall war, sind die meisten Neubauten nach dem Zweiten Weltkrieg weniger dominierend als zuvor. Kirche versteht sich heute deutlicher als Dienstgemeinschaft, und die Kirchenbauten sollen die christlichen Grundaufgaben von Martyria (Verkündigung des Glaubens), Liturgia (Feier des Glaubens) und Diakonia (Tun des Glaubens) zum Ausdruck bringen – das gilt für die Architektur nach außen wie nach innen.
Der Bau muss deutlich werden lassen, was in ihm geschehen soll, so wie es das Gebet zur Kirchweihe sagt: „Hier feiere deine Gemeinde, versammelt um den Altar, das österliche Gedächtnis und lebe vom Wort und vom Leib Christi. Hier erklinge der freudige Lobgesang, hier vereine sich die Stimme der Menschen mit den Chören des Himmels, und das Gebet für das Heil der Welt steige allezeit empor vor dein Angesicht. Hier mögen die Armen Barmherzigkeit finden, die Bedrückten Freiheit und jeder Mensch die Würde deiner Kindschaft.“
Zu Beginn des dritten Jahrtausends werden in Deutschland kaum noch neue Kirchen gebaut. Eher geht es angesichts veränderter sozialer Strukturen und Zusammenlegung von Kirchengemeinden darum, vorhandene Räume umzunutzen oder gar aufzugeben. Da in den Gemeinden vielfach aber erst jetzt bewusst wird, dass die Raumgestalt Ausdruck des Gottesdienst- wie des Kirchenverständnisses ist, stehen vielerorts Umgestaltungen von vorhandenen Kirchenräumen an.
Das kann zu ganz neuen Überlegungen führen, die allerdings oftmals ihr Vorbild in der Vergangenheit haben: Mittelalterliche Kathedralen und Klosterkirchen ließen die Kleriker und Mönche in Reihen im Chorgestühl bei ihren Gottesdiensten einander gegenüberstehen. An den Enden des dazwischen entstehenden freien Ganges konnten auf der einen Seite der Ambo und auf der anderen der Altar stehen, wobei beide Orte von den Plätzen der TeilnehmerInnen aus eingesehen werden konnten.
Was dem gläubigen Volk damals durch den Lettner verborgen blieb, hat nun in moderne Gemeindekirchen Eingang gefunden. Schon 1968 wurde ein solcher Raum mit zwei Brennpunkten beim Umbau von St. Martin in Dornbirn/Vorarlberg verwirklicht. Genauso wurde der Neubau von St. Christophorus in Westerland/Sylt Ende der neunziger Jahre gestaltet oder die St.-Barbara-Kirche in Moers umgebaut, um nur einige Beispiele zu nennen.
Die Gemeinde ist hier um die beiden Brennpunkte, den Tisch des Wortes (Ambo) und den Tisch des eucharistischen Mahles (Altar) versammelt, während die Mitte frei bleibt für die Feiergestaltung. Diese Mitte kann vielfältig genutzt werden. In St. Christophorus etwa ist dort der Taufbrunnen in den Boden eingelassen.
Eine solche Mitte hat aber auch Sinn bei anderen liturgischen Feiern, etwa der Trauung oder Firmung, oder bei der Aufbahrung der Toten. Die elliptisch angeordnete Raumkonzeption ist ganz von den liturgischen Vollzügen her gedacht. Sie ist ein Denkmodell, das die Auseinandersetzung lohnt, wenn ein liturgischer Raum neu zu gestalten ist.
Doch wie immer auch vor Ort die Gestaltung aussehen mag, stets muss deutlich werden: Der Gottesdienst ist theologisch verstanden nicht mehr allein Sache des Pfarrers oder anderer Hauptamtlicher, sondern er ist eine Angelegenheit der ganzen Gemeinde.

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